Geschichte der Universitätsbibliothek

Die 1810 gegründete Berliner Universität, die sich seit 1949 Humboldt-Universität nennt, verfügte zunächst über keine eigene Bibliothek. Die Literaturversorgung übernahm die Königliche Bibliothek (heute: Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Bald schon wurde jedoch die Einrichtung einer eigenen Bibliothek für die Studenten der Universität unumgänglich, so dass 1831 die Universitätsbibliothek (UB) gegründet wurde. Diese war - mit 1668 Bänden im Jahre 1832 - zunächst noch nicht besonders gut ausgestattet. Sie verfügte nur über einen sehr geringen Erwerbungsetat und unterstand der Leitung der Königlichen Bibliothek. Zuwächse kamen in erster Linie durch das Pflichtexemplarrecht (das die Universitätsbibliothek für Berlin bis 1970 behielt), durch Tausch und die Übernahme großer Gelehrtenbibliotheken zustande. Erst Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts erhielt die Universitätsbibliothek einen festen Etat aus dem Staatshaushalt, der eine kontinuierliche Erwerbungspolitik ermöglichte.
 

Außenansicht der Universitätsbibliothek, Dorotheenstraße Ecke Universitätsstraße
ca. 1929, v.O.

Durch weitere Maßnahmen wie die Aufstockung des Personals, den provisorischen Bezug der Räumlichkeiten im rückwärtigen Gebäude der Königlichen Bibliothek (heute: Staatsbibliothek zu Berlin, Haus 1 Unter den Linden) und vor allem durch eine kontinuierliche Anhebung des Etats - einschließlich mehrerer Sonderzuweisungen zur Lückenergänzung - entstand schließlich zu Beginn dieses Jahrhunderts eine der leistungsfähigsten Universitätsbibliotheken Deutschlands.

Durch den ersten Weltkrieg und in der durch Inflation und Weltwirtschaftskrise unsicheren Folgezeit wurde diese Entwicklung jedoch behindert. Etatschwankungen erschwerten einen kontinuierlichen Bestandsaufbau. Dennoch verläuft die Entwicklung der Universitätsbibliothek positiv: Bis in die 1930er Jahr können hohe Bestands- und Benutzungszuwächse verzeichnet werden. Im Jahre 1922 konnte die UB schließlich ihre neuen Räume mit einem richtungsweisenden Lesesaal vollständig beziehen.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde 1933 auf dem Bebelplatz in unmittelbarer Nähe zur Universitätsbibliothek eine Bücherverbrennung inszeniert, die jedoch die Bestände der UB nicht berührte. Daher findet man in den Regalen der UB heute noch den größten Teil der damals vernichteten Titel in zeitgenössischen Exemplaren.
 

Der alte Lesesaal, der im 2. Weltkrieg zerstört wurde
ca. 1929, Titzenthaler

Die Gleichschaltung allerdings erfasste auch die Universitätsbibliothek: Der damalige Direktor R. Hoecker wurde aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zwangsbeurlaubt. Hoecker spielte nach 1945 erneut eine wichtige Rolle im Berliner Bibliothekswesen, bevor er im Jahre 1950 als Chefdirektor der Öffentlich Wiss. Bibliothek (der nachmaligen Deutschen Staatsbibliothek) in Berlin-Ost erneut entlassen wurde.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Universitätsbibliothek nur geringe Verluste, was um so mehr erstaunen muß, als ihre Bestände nicht ausgelagert worden waren, damit die Literaturversorgung Berlins gewährleistet blieb.

Der Zeitraum von 1945 bis 1989 ist gekennzeichnet durch Bestrebungen, die Bibliotheksarbeit stärker zu zentralisieren und koordinieren. Damit sind insbesondere die Strukturmaßnahmen angesprochen, durch welche die zu jener Zeit noch zahlreichen Instituts- und Fakultätsbibliotheken unter der Leitung des Direktors der Universitätsbibliothek zu einem Bibliothekssystem zusammengefasst wurden.

Anhand der Schriften des damaligen Bibliotheksdirektors W. Goeber wurden Richtlinien erarbeitet, auf die sich die Direktive 22/69 des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen stützt. Unter anderem wurde darin geregelt, dass an allen Hochschulen die Zweigbibliotheken der ehemaligen Zentralbibliothek unterstellt sein sollten. Damit wurden organisatorische Grundlagen geschaffen, die nach der Wende 1989 im einschichtigen Bibliothekssystem weitergeführt wurden.
 

Magazintreppe in der ehemaligen Zentralbibliothek (Dorotheenstraße 27)
1998, Stefan Beetz

Im Rahmen des Sammelschwerpunktplanes der DDR pflegte die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität die Gebiete Internationales und nationales Hochschulwesen, Mathematik, Spezielle Zoologie, Veterinärmedizin, Romanistik, Finanz- und Versicherungswesen sowie Finno-Ugristik. Als sehr problematisch erweist sich allerdings die stark an der Forschung der östlichen Länder ausgerichtete Auswahl der Literatur. Die dort erschienenen Werke wurden - auch aufgrund umfangreicher Tauschbeziehungen - umfassend erworben. Aufgrund der Devisenknappheit und teilweise auch aus politisch-ideologischen Gründen wurde Literatur aus den westlichen Ländern hingegen nur in geringem Umfang beschafft, was zu beträchtlichen Lücken im Bestandsaufbau geführt hat. Ein geschlossener, ausgewogener Bestand dieser Jahre wird im Nachhinein kaum je erreichbar sein.

Nach der Wiedervereinigung 1990 hat ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität begonnen: Durch beträchtliche Sondermittel zur Ergänzung des Büchergrundbestands konnten zahlreiche der erwähnten Bestandslücken vermindert werden. Ein modernes EDV-System wurde eingeführt, neue Informationsmedien haben Einzug gehalten. Die Zettelkataloge wurden abgebrochen und statt dessen ein leistungsfähiger Online-Katalog aufgebaut, in dem nach und nach alle Bestände der UB verzeichnet werden.

 

Das Informationszentrum im Vestibül der ehemaligen Zentralbibliothek (Dorotheenstraße 27)
1998, Stefan Beetz

Fast alle Zweigbibliotheken konnten in neuen, oder neugestalteten Räumen untergebracht werden und sind heute durch eine Freihandaufstellung gekennzeichnet. Die Entwicklung von einstmals etwa 190 Standorten zu wenigen zentralen Standorten ermöglichte längere Öffnungszeiten und ein reichhaltiges Literaturangebot.

Der Konzentrationsprozess der Humboldt-Universität auf die drei Standorte Campus Adlershof für die Naturwissenschaften, Campus Mitte für die Geistes- und Sozialwissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften und die Theologie sowie Campus Nord für die Lebenswissenschaften, schlug sich auch auf die Universitätsbibliothek nieder.
So wurde im Jahre 2003 im neu gebauten Erwin-Schrödinger-Zentrum in Adlershof die Zweigbibliothek Naturwissenschaften eröffnet. Mit der Eröffnung des zentral gelegenen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums im Herbst 2009 erhielten auch die Zentralbibliothek, zwölf ehemalige Zweig-und Teilbibliotheken sowie der Computer- und Medienservice erstmalig ein modernes Bibliotheksgebäude in zentraler Lage und adäquater Größe. Gleichzeitig konnten am Campus Nord, dem einstweiligen Standort der Zentralbibliothek, die  Lebenswissenschaftlichen Zweig- und Teilbibliotheken zur Zweigbibliothek Campus Nord zusammengeführt werden.