Viele kennen die Symptome des Papierzerfalls bei älteren Publikationen aus eigener Erfahrung: Das Papier vergilbt und wird brüchig. Im Lauf der Zeit zerfallen die Seiten vieler Bücher, Zeitschriften oder Zeitungen buchstäblich zu Staub.
Für den Zerfall sind die industriellen Herstellungsprozesse verantwortlich, bei denen im Papier säurehaltige Materialien verarbeitet sind, vor allem Holzschliff sowie säurehaltige Chemikalien zur Leimung des Papiers. Das kurzfaserige, saure Papier zersetzt sich im Lauf der Zeit von selber. Betroffen sind große Teile der ab Mitte des 19. Jahrhunderts publizierten Bestände – und damit ein ganzes Segment der textlichen Überlieferung. Angesichts der Masse stellt dies Bibliotheken und Archive vor große Herausforderungen.
Tatsächlich wurden wirksame Verfahren entwickelt, um den Zerfall aufzuhalten: Die Bestände können mit Lösungsmitteln behandelt werden, welche die Säure in dem Papier neutralisieren und zusätzlich eine alkalische Reserve aufbauen. So wird die Flexibilität des Papiers erhalten und seine Lebensdauer verlängert. Das funktioniert auch für ganze Bücher, die in großen Drahtkörben in die Flüssigphasen-Behandlung gehen. Die Verfahren sind inzwischen so optimiert, dass es kaum Nebenwirkungen gibt.
2026 führt die Universitätsbibliothek ein Projekt durch, in dem medizinhistorische Literatur und sportwissenschaftliche Zeitschriften entsäuert werden. Dabei werden ca. 128 laufende Meter Bestand mit seltenen und archivwürdigen Titeln bearbeitet, die an den Standorten Campus Nord und Grimm-Bibliothek untergebracht sind.
Bereits 2024 wurden kulturhistorisch besonders wertvolle Bücher an der Universitätsbibliothek entsäuert, nämlich belletristische Werke mit
Schwerpunkt deutsche Literatur und Übersetzungen aus dem Zeitraum 1850 bis 1920 in zeitgenössischen Bibliotheks- und Verlagseinbänden (insgesamt 174 laufende Meter). Diese Auswahl enthielt insbesondere Exemplare aus Berlin und Brandenburg, die nach dem Pflichtrecht von den Verlagen an die UB abgegeben wurden. Weitere Bestandssegmente stammen aus den Sammlungen an der UB, die hohen Quellenwert für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte Berlins haben. Darunter ist etwa die an Raritäten, populärer Literatur und Kuriositäten reiche Sammlung des bibliophilen Sammlers Leopold Hirschbergs. Dazu treten weitere Provenienzen, unter anderem Exemplare der ausgesuchten Bibliothek des Berliner Arztes Alois Lautenschlägers oder die ebenfalls an seltenen Werken reiche Sammlung des Königlich-sächsischen Geheimen Regierungsrats Karl Gustav Wenzels. Viele der entsäuerten Werke wurden zudem retrokatalogisiert, d.h. ihr Nachweis im Online-Katalog ergänzt. So wird nicht nur ihre Erhaltung gesichert, sondern auch der bibliographische Nachweis der Bestände für die Forschung verbessert.
Bei Büchern, deren Verfall schon stark fortgeschrittenen sind, hilft die Entsäuerung übrigens nicht: der Zerfall kann verlangsamt, aber der Zustand nicht verbessert werden. Und Bücher des 15. bis zum 18. Jahrhundert überraschen oft durch den guten Zustand des Papiers: das in dieser Zeit für den handwerklichen Buchdruck eingesetzte Hadernpapier ist im Vergleich weit haltbarer und in der Masse nicht betroffen.
Kontakt: Yong-Mi Rauch
Förderung: Senatsverwaltung Berlin für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien