Hofmann-Bibliothek

Sammlung mit wechselnden Standorten: Hofmann-Bibliothek

Unter dem Namen ihres Begründers ist die Bibliothek der ehemaligen Deutschen Chemischen Gesellschaft zu weltweiter Beachtung gelangt. Das wechselvolle Schicksal dieser Sammlung ist ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse.

August Wilhelm von Hofmann (1818-1892) war einer der anerkanntesten Chemiker seiner Zeit. Nach dem Studium bei Justus von Liebig in Gießen ging er nach London und beteiligte sich dort am Aufbau des Royal College of Chemistry. In England lernte Hofmann die engen Wechselbeziehungen zwischen der Chemie als Wissenschaft und ihrer technischen Anwendung kennen. Ein prägendes Erlebnis war für ihn die vermittelnde Rolle der Royal Society of Chemistry.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat übernahm Hofmann an der Berliner Universität den Chemie-Lehrstuhl von Eilhard Mitscherlich. Hier stellte er seine hervorragenden Fähigkeiten nicht nur als Hochschullehrer und Forscher, sondern auch als Wissenschaftsorganisator unter Beweis. Im Jahre 1867 gründete er die Deutsche Chemische Gesellschaft (DCHG), zu deren Mitgliedern u.a. Robert Wilhelm Bunsen, Justus von Liebig und Friedrich Wöhler zählten. Heute gehören dieser Standesorganisation unter dem Namen Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) mehr als 27.000 Mitglieder an.
Zu den wesentlichen Leistungen der DCHG gehört die Gründung einer großen Zentralbibliothek für Chemie. Auf Grund der eingeschränkten finanziellen Lage der Gesellschaft (die Verhältnisse waren damals offensichtlich nicht anders als heute!) ging der Aufbau zunächst nur durch Buchspenden und durch Tausch mit den "Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft" voran. Als besonderer Bestand kamen zehn Jahre später die Bücher des verstorbenen, heute weithin unbekannten Alphons Oppenheim hinzu und im Jahre 1893 wurde der wertvolle Nachlass August Wilhelm von Hofmanns in die Bibliothek integriert, der der Bibliothek schließlich ihren Namen gab. Nachdem vorher handschriftliche Besitzeintragungen und Widmungen ausreichten, war nun der erste Stempel einschließlich Inventarnummer fällig: "Deutsche Chemische Gesellschaft – Berlin W10 – Sigismundstr. 4". Nachdem 1889 ein Dispositionsfonds geschaffen worden war, konnte sich die Bibliothek mit den wichtigsten Neuerscheinungen versorgen; sie erreichte bis zum 2. Weltkrieg einen Umfang von gut 8.000 Bänden.

Glücklicherweise wurde die Bibliothek im 2. Weltkrieg rechtzeitig ausgelagert; das Gebäude wurde restlos zerstört. Die Einlagerung in den Rüdersdorfer Kalkwerken allerdings tat den Büchern nicht sonderlich gut. Die weitere "Rettung" ging Richtung Moskau. Sie ist mit Stempeln in kyrillischen Buchstaben dokumentiert: "Akademie der Wissenschaften der UdSSR – Bibliothek – Abteilung Chemie". Zum Teil finden sich auch Stempel einzelner Institutsbibliotheken. Immer aber wurden, wie in Bibliotheken üblich, die Besitzstempel des Vorbesitzers ungültig gemacht, hier mit Rotstift oder durch Schwärzen. Indizien belegen, dass dies erst 1953 geschah und damit nicht von langer Dauer war, denn im Jahre 1956 wurde der größte Teil der Bibliothek nach Berlin zurückgegeben und unter die Obhut der nach dem Krieg gegründeten Chemischen Gesellschaft der DDR gestellt. Und wieder ein Stempel? Diesmal merkwürdigerweise nicht; und auch die Moskauer Stempel blieben unangetastet. Stattdessen aber wurden die Bücher katalogmäßig erschlossen: alphabetisch in einem Zettelkatalog und sachlich nach einer eigens dafür geschaffenen, sehr detaillierten Systematik, die auch im Buch notiert wurde. Im Jahre 1990 schließt sich der Kreis: Nach der Auflösung der Chemischen Gesellschaft der DDR kehrt die Bibliothek an den Ausgangspunkt ihres Grundstocks zurück. Sie ist nun als Sammlung "Hofmann-Bibliothek" Teil der Zweigbibliothek Naturwissenschaften der Humboldt-Universität, und auch wir haben den Büchern unseren Stempel aufgedrückt (erstmals auf der Rückseite des Titelblatts!) und wieder eine neue Inventarnummer eingetragen.

Der Sammlungsbestand ist von unschätzbarem Wert und als homogen zu charakterisieren. Die zwei genannten Nachlässe bilden den bedeutendsten Teil,
nicht nur aus wissenschaftsgeschichtlicher, sondern auch aus kulturhistorischer Sicht, und einige der hier vorhandenen Bücher sind nach unseren Recherchen nirgendwo anders auffindbar. Mehrere hundert Bände, erschienen zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, gelten als Raritäten. Hier findet man neben den wichtigsten Handbüchern dieser Zeit z.B. Erstausgaben von Johann Christian Polycarp Erxleben, Leonhard Euler, Georg Christoph Lichtenberg, Alexander von Humboldt u.a. Glücklicherweise sind auch die Werke aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Hofmanns erhalten. So ist das Gesamtwerk von Friedrich Wöhler, Justus von Liebig, Gustav Magnus, Eilhard Mitscherlich, Jöns Jacob Berzelius u.a. fast vollständig präsent. Die durch Kauf erworbenen Neuerscheinungen spiegeln die Entwicklung der Chemie von der Jahrhundertwende bis zum zweiten Weltkrieg wider.

Text: Julia Fontius / Dr. Bernd Fichte

 

Die Bibliothek kann für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden, wir bitten jedoch um Voranmeldung:

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