Das Lise-Meitner-Denkmal

Der Weg zum Denkmal

Im Jahre 2006 begann die Initiative von Dr. Angelika Keune zur Errichtung eines Denkmals für Lise Meitner. Hintergrund war, dass im großen Kunstschatz der Universität, zu dem u.a. 8 Denkmäler, über 140 Büsten, Medaillons und Gedenktafeln, 60 Gemälde und 200 Zeichnungen und Graphiken zählen, unter ehemaligen Gelehrten der Universität lediglich zwei Wissenschaftlerinnen gezeigt werden. Als Kustodin der Kunstsammlung der HU und langjährige Stellvertreterin der zentralen Frauenbeauftragten war es Dr. Keune ein wichtiges Anliegen, auch Wissenschaftlerinnen durch künstlerische Darstellungen in öffentliche Präsenz zu rufen.

Lise Meitner gehörte zur ersten Generation von Frauen, die an der Universität erfolgreich wissenschaftlich arbeitete. Wie Lise Meitner waren mehr als die Hälfte von ihnen jüdischer Herkunft, erhielten von den Nationalsozialisten Lehrverbot und wurden aus der Universität und später aus Deutschland vertrieben. Das Denkmal für Lise Meitner soll daher sowohl an die  erste Wissenschaftlerinnengeneration als auch an alle jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erinnern, deren Wissenschaftskarriere nach antisemitischer Verfolgung und Vertreibung durch den Nationalsozialismus weitgehend endete, die ermordet wurden oder den Freitod wählten.

Nach Zustimmung durch die Universitätsleitung begann Dr. Keune mit der Suche nach Unterstützerinnen und Unterstützern sowie potentiellen Sponsoren. Als erstes sagte die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren ihre finanzielle Mithilfe zu, es folgten das Helmholtz-Zentrum der Helmholtz-Gemeinschaft sowie die Max-Planck-Gesellschaft, Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.

2009 wurde die Denkmalsidee dann zu einer gemeinsamen Initiative von Dr. Angelika Keune und der zentralen Frauenbeauftragten der HU, Dr. Ursula Fuhrich-Grubert, ab 2011 unterstützt vom neugewählten Präsidenten, Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz. Gemeinsam konnten sie die Zusage der Senatsverwaltung erwirken, einen Teil der Kunst-am-Bau-Mittel, aus dem Umbau der Mensa im Hauptgebäude, für das Denkmal verwenden zu können. Durch die finanzielle Unterstützung weiterer Sponsoren und Universitätsangehöriger, insbesondere vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zahlrei-cher Privatspenden, gelang es Ende des Jahres 2012 die notwendige Summe von 100.000,00 € zu bewältigen.

Am 1. Februar 2013 wurde im ersten Schritt ein Kunstwettbewerb für alle Bildhauerinnen und Bildhauer in Europa und Israel ausgelobt. Im April 2013 forderte eine Auswahlkommission dann vier Künstlerinnen und Künstler sowie eine Künstlergruppe auf, ihre Denkmalsmodelle einzureichen. Die Wettbewerbsbeiträge wurden im Juni 2013 dem Preisgericht anonym vorgestellt und der Entwurf der Berliner Bildhauerin und Medailleurin Anna Franziska Schwarzbach zur Realisierung empfohlen.
 

Die Künstlerin: Anna Franziska Schwarzbach

TestAuf einem hohen Beton-Sockel steht eine selbstbewusste Frauenfigur in nachdenklichem Gestus. Das Podest umschließt eine schmale Treppe mit hohen Stufen, an dessen Ende, auf einer zerklüfteten Oberfläche, die Plastik steht. An der linken Seite sind die Formel der Kernreaktion und auf der rechten eine physikalischen Berechnung aus dem Notizbuch von Lise Meitner aus dem Jahre 1935 erkennbar. In ihrem Entwurf schreibt Schwarzbach: „Hervorragende Frauen wurden kaum auf Sockel gehoben. Wie schwer muss es für eine Frau gewesen sein, wissenschaftlich zu arbeiten, wie viel schwerer noch, wissenschaftlich geachtet zu werden. Dies brachte mich auf die Idee, den Sockel möglichst breit zu machen, um in Gedanken der vielen ‚Nichtaufgesockelten‘ gedenken zu können.“ Hier trafen sich Überlegungen der Künstlerin mit dem Anliegen der Initiatorinnen aus der Humboldt-Universität.

Figur: Bronze, Höhe: 157 cm
Sockel: Beton, Größe: Länge x Breite x Höhe: 195 x 165 x 100 cm
Standort: Im Ehrenhof vor dem Ostflügel der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6.

Anna Franziska Schwarzbach, Jahrgang 1949, widmete einen großen Teil ihres Werkes dem Porträt und der menschlichen Figur. Neben zahlreichen Arbeiten für den öffentlichen Raum vielerorts in Deutschland, sind es auch die kleinen Plastiken, die ihr Schaffen prägen: Amazonen, Plagegeister, Irrlichter, Zwerge.

Bei der Arbeit am Denkmal konnte sie auf ihre jahrzehntelange Erfahrung im Bereich des figurativen Arbeitens sowie ein großes Werk an Gedenkplastiken und -medaillen zurückgreifen. Auch die Vielzahl der von ihr geschaffenen Porträts außergewöhnlicher Frauen, wie das der Bauhaus-Malerin und Bildhauerin Marianne Brandt, der ersten Unternehmerin der Niederlausitz, Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal, der Mathematikerin Mileva Einstein-Maric, erste Ehefrau Albert Einsteins (der von einigen Wissenschaftlern Anteil an der Relativitätstheorie zugesprochen wird), der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, der Widerstandskämpferin Käthe Niederkirchner oder der in jungen Jahren ermordeten Jüdin Betty Reis.

Mit diesem Zeitgenossenschaft und Tradition verbindenden Denkmal von A.F. Schwarzbach wird nicht nur die außerordentliche Forschungs- und Lebensleistung einer starken Frauen-Persönlichkeit geehrt, die konkrete Berliner Wissenschafts- und Universitätsgeschichte repräsentiert, sondern auch die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft gestärkt.

Malte Heitmann

 

"Humboldt-Universität ehrt Lise Meitner" - Pressemitteilung der Humboldt-Universität

"Große Physikerin, späte Ehrung" - Artikel zur Einweihung des Lise-Meitner-Denkmals im Tagesspiegel

 

Video: Die Entstehung des Lise-Meitner-Denkmals

 


 

Lise Meitner (1878 - 1968)

Kernphysikerin, mit ihrer experimentellen Grundlagenforschung trug sie maßgeblich zur Erschließung neuer physikalischer Wissenschaftsfelder bei; 1906 Promotion an der Wiener Universität als zweite Frau auf dem Gebiet der Physik, 1907 Vorlesungen bei Max Planck und Beginn der Zusammenarbeit mit Otto Hahn, 1909 Entdeckung des radioaktiven Rückstoßes gemeinsam mit Hahn, 1912 erste Assistentin an der Berliner Universität, der heutigen Humboldt-Universität, bei Max Planck, 1912 Wissenschaftliches Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, 1922 Habilitation als erste Physikerin Preußens, 1926 Berufung zur außerordentlichen Professorin als erste Frau an der Berliner Universität. Von 1935 bis 1938 gemeinsam mit Hahn und Fritz Straßmann Bestrahlungsexperimente, die Ende 1938 zur ersten erfolgreichen Kernspaltung führten - Lise Meitner in-terpretierte, benannte und berechnete die Ergebnisse des Experiments mit ihrem Neffen O. R. Frisch im Exil, nachdem sie im Sommer 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus Deutschland fliehen musste. Trotz mehrfacher Aufforderungen verweigerte sie ihre Mitwirkung am Bau der Atombombe und setzte sich nach Kriegsende weltweit für eine friedliche Nutzung der Kernenergie ein. Sie war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien, lebte bis zu ihrem Tod 1968 in Stockholm und Cambridge.

Eine ausführliche Biographie Lise Meitners finden Sie hier (pdf).